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Das Kavalier I „Scharnhorst“

1873 ursprünglich als Defensivkaserne erbaut – in dieser Funktion allerdings nie genutzt – gehört das Kavalier I zu den architektonisch besonders aufwendig gestalteten Festungsbauten in Magdeburg. Ein besonderes Kleinod ist der Wappenstein aus dem 17. Jahrhundert über dem mittleren Eingang. Als geschlossenes Kavalier errichtet, wurde das Kavalier I bereits 1878 zu einem offenen Kavalier umgebaut, vorrangig zum Schutz der Eisenbahneinführung der Strecke Biederitz-Magdeburg-Buckau in die Festung.







Im Zuge der dringend notwendigen Stadterweiterung musste die äußere Verteidigungslinie weiter nach außen verlegt werden. Im Jahre 1865 genehmigte König Wilhelm I. von Preußen die Magdeburger Stadterweiterung innerhalb einer neuen Verteidigungslinie. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 begann, unter Einsatz französischer Kriegsgefangener, der Bau der neuen Festungsanlagen im Süden und Westen der Stadt. Das alte Fort Berge“ (siehe „Stern“) wurde in die neue Südfront eingebunden und als äußerster südlicher Punkt an der Elbe das Kavalier I „Scharnhorst“ errichtet.








Der 1. Weltkrieg hatte mit einem beispiellosen Einsatz von Menschen und Material immense Zahlen Kriegsgefangener zur Folge. 1915 existierten im Bezirk des stellvertretenden Generalkommandos des IV. Armeekorps 12 Kriegsgefangenenlager, 4 davon allein für die 2200 gefangenen Offiziere, die restlichen 8 für 120 000 Soldaten. Das einzige Offizierslager in Magdeburg war anfangs in der Zitadelle (siehe „Zitadelle“) untergebracht, wurde aber wegen unhaltbarer Zustände bald in das Kavalier I und das dazugehörige Wagenhaus verlegt.








Am 1. Mai 1916 waren hier 409 Offiziere aus Russland, Frankreich, Belgien und England sowie 103 Mann mit Mannschaftsdienstgraden, die von den Offizieren getrennte Räume bewohnten, untergebracht. Aus dieser Gruppe wurde für die Bedienung der Offiziere, Kleider- und Stiefelpflege, Reinigung der Räume, Kaffeekochen usw. für je 6-8 Offiziere eine Ordonanz abgestellt. Andere wurden als Arbeiter zur Unterhaltung des Lagers, des Wasserwerkes, des Tennisplatzes oder als Handwerker eingesetzt. Damals gab es noch kein fließendes Wasser in der Anlage. Es wurden Latrinen eingerichtet und als Waschgelegenheit auf den Zimmern stand jedem Offizier ein Waschständer mit Becken und Kanne zur Verfügung. Die Räume wurden mit Petroleumlampen beleuchtet und mit Öfen beheizt.






Wappenstein des August Herzog v. Holstein-Plön (1635-99), 1. Magdeb. Gouverneur (v. 1666-82), der einst sein Haus am Domplatz 6 schmückte

Innenansicht des Kavalier I, 2013

Modell der ursprünglichen Anlage, gebaut von Gustav-Adolf Lochmann (FG Festungsanlagen), im Besitz des Kulturhist. Museums Magdeburg











Ehemaliges Wachgebäude, 2013


Benefizführung der FG Festungsanlagen, 2013

Führung für Fluthelfer des Eigentümers, 2013






Quellen

Die Möglichkeiten zur Betätigung waren vielseitig. Es wurde Tennis gespielt, musiziert, Theater gespielt, gemalt und gebastelt. Das Lesen einiger deutscher Zeitungen und Zeitschriften war gestattet. Außerdem wurden von der deutschen Heeresverwaltung Zeitungen in verschiedenen Sprachen herausgegeben. Auch eine Lagerbibliothek stand zur Verfügung. Die seelsorgerische Betreuung erfolgte durch angestellte deutsche Geistliche. Für russische Offiziere erschien sogar ab und zu ein Pope aus einem anderen Lager. 1916 verbrachte auch der spätere französische Staatspräsident Charles de Gaulle einige Wochen als Kriegsgefangener im Kavalier I.

Nach Kriegsende 1918 wurde das Lager geschlossen und bis 1945 für Wohnzwecke und Kleingewerbe genutzt. Nach 1945 wurde der Hauptgraben zugeschüttet. Bis Anfang der 1990-er Jahre wurde die Anlage gewerblich genutzt, zuletzt vom Fotolabor „Fotocolor“. Seit 2013 wird das Bauwerk saniert. Geführte Besichtigungen sind dennoch möglich (Anfragen an magdeburger.festungstage@gmail.com).